Die Neubauten von Anne Lampen Architekten markieren den Auftakt in die Berliner Welterbesiedlung „Gartenstadt Falkenberg“ des legendären Architekten Bruno Taut. Die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 führt ihre Tradition fort, identitätsstiftende Architektur für Generationen zu schaffen.

Zweite Berliner Moderne

ID-69-POR Fotos: LRZ / Poroton / Lon Godin / Anne Lampen

Die Gartenstadt Falkenberg, auch Tuschkastensiedlung genannt, gehört als eine von sechs Wohnsiedlungen der Berliner Moderne zum Unesco-Weltkulturerbe. Wie es gelingen kann, das Baudenkmal mit moderner Architektur zu verbinden, zeigen Anne Lampen Architekten zusammen mit Dagmar Gast Landschaftsarchitekten. Die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG konzipierte die Siedlung seinerzeit mit dem legendären Architekten Bruno Taut und führt mit den beiden neuen Gebäuden die Tradition fort, bezahlbares Wohnen mit qualitativ hochwertiger, identitätsstiftender Architektur zu verbinden.

Zweite Berliner Moderne

Tauts Plan aus dem Jahr 1912 sah vor, dass sich Quartiere mit zweigeschossigen Zeilen aneinanderreihen, die gemäß der ansteigenden Topografie gestaffelt werden. Im Gegensatz zur damals vorherrschenden Meinung, dass nur die Materialfarben die rechtmäßigen Farben der Architektur seien, verselbständigte Taut die Farbe gegenüber dem Baustoff. Das Ergebnis ist eine Vielfalt in der farblichen Fassadengestaltung, die der Siedlung den Namen Tuschkastensiedlung einbrachte.

Spiel mit Farben, Formen, Linien

Taut spielte am Falkenberg aber nicht nur mit Farben, sondern auch mit Formen und Linien. Ein Kopfhaus beispielsweise ist nicht zentriert platziert, sondern nach rechts verschoben zur Straße. Eingangshäuser stehen weder mit den angrenzenden Reihenhauszeilen noch miteinander auf einer Linie. Reihenhäuser sind leicht versetzt angeordnet. Taut erweckte damit den Eindruck einer über viele Jahre gewachsenen Siedlung. Falkenberg war darüber hinaus die erste Siedlung, bei der den Mietergärten eine so hohe Bedeutung zugemessen wurde, dass Berlins erster freischaffender Gartenarchitekt Ludwig Lesser mit der einheitlichen Bepflanzung der Parzellen beauftragt wurde. Während andere Siedlungen dieser Zeit oft eintönig wirken, besticht die Tuschkastensiedlung durch die geschickte räumliche Gliederung des Areals und eine abwechslungsreiche Gestaltung der Straßen und Plätze.

Städtebauliches Erbe bewahren und interpretieren

Es war der Genossenschaft sehr wichtig, dieses städtebauliche und architektonische Erbe zu bewahren und „den historischen Anspruch an innovative Wohnformen in Grundriss, Außenräumen und Grünräumen in die heutige Zeit aufzunehmen“, wie es in den Ausschreibungsunterlagen des nicht offenen Realisierungswettbewerbs heißt. Den Siegerentwurf von Anne Lampen Architekten BDA bewertete das Preisgericht „als einen souverän und konsequent ent-wickelten Beitrag, dessen System von Baumassen und Freiräumen überzeugt und in der architektonischen Gestalt insgesamt von großer Sensibilität im histori-schen Kontext gekennzeichnet ist.“
Konsequent wurde von Beginn an auch die Gestaltung der Frei- und Grünflächen mitgeplant – wie schon vor hundert Jahren. Das Konzept von Dagmar Gast Landschaftsarchitekten berücksichtigt die unterschied-lichen Ansprüche der Nutzer an den Freiraum und setzt die städtebauliche Idee fort. Die Strukturen der Gartenstadt Falkenberg mit ihren Ligusterhecken werden weiter geführt und ergänzen dadurch den grünen Rahmen der Siedlung.

Architekturtradition weiter entwickelt

Die beiden Neubauten am Beginn des Gartenstadtwegs markieren durch ihre rechtwinklige Anordnung den Auftakt in die Siedlung und erzeugen Hofatmosphäre. Lediglich die teilweise ziegelroten Laibungen setzen einen Kontrast zur ansonsten schwarzen Gestalt der Häuser.
Die drei versetzt angeordneten, dreigeschossigen Kuben des Gartenhauses scheinen auf den ersten Blick klassische Reihenhäuser mit davor liegenden Gärten zu sein, die die Bestandsbebauung in moderner Form fortführen. Im Inneren jedoch stellt das Gebäude Zwei-, Drei- und Vierzimmer-Mietwohnungen zur Verfügung, wobei die beiden Vierzimmerwohnungen im Erdgeschoss die Gebäudegrenzen durchbrechen und sich über je zwei Baukörper erstrecken. Insgesamt befinden sich im Gartenhaus 13 Wohneinheiten.
Der rechtwinklig angeordnete Kubus mit Flachdach dagegen stellt einen bewusst konzipierten, baukörper-lichen Bruch dar. „Das unterkellerte, dreigeschossige Gebäude erzeugt in seiner markanten Form eine Ein-gangssituation zur Siedlung Gartenstadtweg“, so Susann Belitz. „Gleichzeitig reduziert der Baukörper die Schallübertragung von der Durchgangsstraße Am Falkenberg in die Siedlung Gartenstadtweg.“

Soziales Engagement der Genossenschaft

Der dritte Grund für die Gebäudeform hängt mit dem sozialen Engagement der Wohnungsgenossenschaft zusammen, erklärt René Arlitt, Projektleiter bei der „1892“. Im Erd- und ersten Obergeschoss sind zwei Wohngemeinschaften zur Miete für Schlaganfallpatienten untergebracht, mit allen dafür notwendigen Ein-richtungen: Jeweils acht Schlafzimmer plus ein Büroraum, zwei behindertengerechte Bäder, ein zusätzli-ches WC, ein Raum für Waschmaschinen und Trockner, sowie eine Gemeinschaftsküche und ein Ge-meinschaftsesszimmer. Über einen behindertengerechten Fahrstuhl können vom Kellergeschoss mit Funktionsräumen bis zum zweiten Obergeschoss alle Etagen barrierefrei erreicht werden.
Baulicher Ausdruck dieses sozialen Engagements ist zudem der Welterberaum, der Bewohnern und Besu-chern als Ort der Begegnung zur Verfügung steht, und das genossenschaftliche Miteinander in der Siedlung fördert. Das eingeschossige Sonderbauteil beherbergt einen großen Besprechungsraum mit Multimediaeinrichtung, eine Küche sowie ein behindertengerechtes WC. Das dritte Geschoss des Gebäudes steht mit jeweils einer Zwei-, Drei- und Vierzimmer-Wohnung Genossenschaftsmietern zur Verfügung. Beide Gebäude verfügen somit insgesamt über 18 Wohneinheiten.

Bauen für Generationen

Bauherr und Architektinnen bevorzugten eine robuste, langlebige Konstruktion ohne Zusatzdämmung und entschieden sich deshalb für eine monolithische Bauweise mit Ziegel in der Stärke 42,5 Zentimeter. „In unseren Siedlungen in Berlin fühlen sich viele Familien bereits seit Generationen wohl“, sagt René Arlitt. Um eine solch langfristige Identifikation der Mieter zu erreichen, müsse man dementsprechend bauen. Ziegel, so Arlitt, besitzen nun einmal die bekannten Regulierungseigenschaften hinsichtlich Feuchte und puffern Temperaturunterschiede sehr gut, was im Winter die Wärme im Gebäude hält und im Sommer die Hitze draußen. „Für uns als Bauherr genauso wichtig: Die monolithische Konstruktion vermeidet unterschiedliches thermisches Verhalten in der Fassade, was bei einem mehrschichtigen Aufbau auf Dauer zu Putzrissen und Verfärbungen führen würde. Das hilft uns, Wartungs- und Instandhaltungskosten dauerhaft niedrig zu halten.“

Hohe Schallschutzanforderungen

Eine entscheidende Rolle bei der Wahl des Baustoffs spielten die erhöhten Anforderungen an den Schallschutz. Quer zur Durchgangsstraße "Am Falkenberg" führt wenige Meter hinter den Neubauten die B96a als Hochstraße vorbei. Sie besitzt zwar Lärmschutzeinrichtungen, die Emissionen der Fahrzeuge sind dennoch deutlich hörbar. Zwar berücksichtigen bereits die Positionierung der Baukörper mit der Schaffung eines ruhigen Innenhofes, sowie die Grundrisse die Schallschutzanforderungen, indem beispielsweise die Wohn- und Schlafzimmer des Gartenhauses zum Innenhof hin orientiert sind. Ohne bauliche Ergänzung wäre ein angemessener Schallschutz aber nicht möglich gewesen. Zur Erreichung der Luftschalldämmung innerhalb des Gebäudes trugen nicht nur der perlitverfüllte Hintermauerziegel bei, sondern auch spezielle, mit Beton verfüllte Schallschutzziegel für die Wohnungstrenn- und Treppenhauswände. Hinzu kam die Poroton-Deckenrandschale für die Wand-Decken-Knoten, die die Geschossübergänge dämmt und für einen einheitlichen Putzuntergrund sorgt.

Architekt:

Anne Lampen Architekten BDA
Berlin

Bauherr:

Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG

Standort:

Berlin

Kategorie:

Mehrfamilienhaus

Baujahr:

2016-2017

 

 

Ziegelformat:

42,50 cm gefüllt

Landschaftsplanung:

Dagmar Gast Landschaftsarchitekten BDLA
Berlin

Statik:

HHT Bauingenieure
Berlin

Kosten:

4,2 Millionen Euro (KG 300 + 400)

Besonderheit:

Erhöhter Schallschutz gemäß DIN 4109

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